Der Anlautbaum
Der Anlautbaum

Der Anlautbaum

Konzept eines lehrgangunabhängigenAnlautsystems

von

Holger Schäfer & Nicole Leis

mit Illustrationen von Andrea Bölinger

Konzept eines lehrgangunabhängigen Anlautsystems - nicht nur für Schüler mit Förderbedarf - Theoretische Grundlegung zum Schriftspracherwerb an der Schule mit dem Förderschwerpunkt ganzheitliche Entwicklung Praxisbezogene Arbeitsmaterialien und Kopiervorlagen zur Arbeit im Anlautsystem und im Offenen Unterricht

Der Anlautbaum versteht sich als ein lehrgangunabhängiges Anlautsystem, das durch seine einfache Handhabung, klaren Begrifflichkeiten und prägnanten Darstellungen sowohl für den Regelschulbereich, insbesondere aber für Schüler mit Förderbedürfnissen im Schriftspracherwerb geeignet ist. Aus seiner schulpraktischen Entwicklung heraus orientiert sich der Anlautbaum hier besonders an den Förderbedürfnissen der Schüler innerhalb des Förderschwerpunktes ganzheitliche / geistige Entwicklung.

Einführend gibt ein Theorieteil - vor dem Hintergrund eines erweiterten Lese- und Schreibbegriffs, eines Prinzipienkatalogs zur Auswahl von Anlautbegriffen und dem Umgang mit der Anlauttabelle, sowie der methodischen und didaktischen Integration des Anlautbaums in den Schriftspracherwerbs - einen umfassenden Überblick über die Grundlagen zum Schriftspracherwerb innerhalb des Förderschwerpunktes ganzheitliche / geistige Entwicklung.

Die umfangreiche Materialsammlung im Praxisteil gliedert sich in verschiedene Bereiche auf, die den heterogenen Klassen sowohl im Förder- als auch im Regelschulbereich inhaltlich und materialbezogen gerecht werden können. Nach der Kopiervorlage des Anlautbaums - als Anlauttabelle - in DIN A4 stehen alle Anlautbilder zum einen als Ankerbilder für das Klassenzimmer zum anderen in Form graphomotorischer Übungen (Spur- und Liniensystem) zur Verfügung. Im Abschnitt 4 und 5 finden sich Kopiervorlagen für ein Anlautdomino und ein Anlaut-Memory, letzteres berücksichtigt neben den Anlautbildern auch die Grapheme und Wörter der Anlautbegriffe. Die Kopiervorlagen 6, 7, 8 und 9 bieten Puzzle zu den Anlautbildern sowie Silben- und Wendekärtchen und Boxenschreib-Übungen zu den Anlautbegriffen, den Wochentagen und den Monatsnamen an. Durch die Erprobung des Materials in offenen Unterrichtssituationen berücksichtigen die einzelnen Übungen wesentliche Elemente aus Handlungsorientierung und Handlungskontrolle.

Leseproben und weitere Eindrücke zum ersten Teil des Anlautbaums finden sich in den folgenden PDF-Dateien oder unter www.verlag-modernes-lernen.de.

Zur Entstehung

Auszüge und Abbildungen aus Schäfer, Holger / Leis, Nicole: Zur Entwicklung des Anlautbaums:

ein Praxisbericht in: Lernen Konkret 02/2006 S. 18-22 und Schäfer, Holger / Leis, Nicole:
Der Anlautbaum – Konzept eines lehrgangunabhängigen Anlautsystems;
Verlag Modernes Lernen Dortmund 2007 S. 13 ff.

1. Grundsätzliche Überlegungen

Innerhalb der Entwicklung einer schuleigenen Anlauttabelle war es im Rahmen der Qualitätsprogrammarbeit unser Ziel, ein schlüssiges Anlautsystem zu entwickeln, das für unsere Schüler das Erlernen, Abspeichern und Automatisieren der Graphem-Phonem-Korrespondenzen unabhängig von Fibel und Leselehrgängen zugänglich machen kann.

In der Auseinandersetzung mit bestehenden - und uns ungeeignet erscheinenden - Anlautsystemen aus Fibeln und Leselehrgängen (vgl. hierzu Müller-Wagner & Hönisch-Krieg S. 158) zeigte sich die Notwendigkeit, einen eigenen Prinzipienkatalog aufstellen zu müssen, der eine hohe Bandbreite der Förderbedürfnisse unserer Schüler zu berücksichtigen vermag. Auf dessen Grundlage sind die Anlautbegriffe des Systems auszuwählen.

Dieses Aufzeigen von Prinzipien eines Anlautsystems lief nicht isoliert von der Suche nach Anlautbildern ab, vielmehr zeigte sich hier eine Interdependenz. Durch dieses Zusammenarbeiten innerhalb der Arbeitsgruppe entwickelten wir auf der Grundlage grundschul- und sprachheilpädagogischer Ansätze einen Prinzipienkatalog. Im Mittelpunkt stand die Verwendung des Systems als Ankerbilder im Rahmen der Einführung der Buchstaben (primär Unterstufe / Mittelstufe) und als Anlauttabelle im Üben mit diesen Buchstaben sowie im Sinne eines Lesens durch Schreiben (primär Mittelstufe und Oberstufe). Folgende Prinzipien legten wir der Auswahl zu Grunde:

  • Das Prinzip der Ordnung

In der Anordnung der Buchstaben eines Anlautsystems lassen sich in der Regel zwei Orientierungen ausmachen: Dies ist zum einen die Orientierung nach den Lauten, zum anderen eine alphabetische Orientierung. Nach Abwägung der Vor- und Nachteile innerhalb dieser beiden Ansätze haben wir uns für die Alphabetische Ordnung entschieden.

  • Das Prinzip grafischer und inhaltlicher Prägnanz

In diesem Prinzip haben wir sowohl grafische als auch inhaltliche Aspekte der Anlautbegriffe und -bilder mit einander verbunden. Großen Wert legten wir hier auf den Grundsatz der Prägnanz und Eindeutigkeit (vgl. Abbildung). Kurt Meiers hebt in seinen Thesen zur Methodik des Lesenlernens und zur praktischen Umsetzung im Unterricht den Aspekt der Beziehung des Kindes zu den Buchstaben deutlich hervor (vgl. Meiers S. 218 ff.). Die Gedanken und Emotionen, die in den ersten Momenten innerhalb der Einführung von Buchstaben ablaufen bezeichnet er als essentiell und wesentlich, „nicht übersehen werden darf die emotionale Seite, das Erlebnis beim Lernen eines Buchstabens“ ( Meiers S. 221). Durch den wichtigen Moment der ersten (visuellen) Berührung mit dem Bild darf dessen Auswahl / Gestaltung jedoch nicht dem Zufall oder willkürlichen, subjektiven Kriterien des Lehrers oder eines Leselehrgangs überlassen sein, sondern sollte objektiven und schülerbezogenen Kriterien obliegen. Solche Gütekriterien, die versuchen, ein Maximum an qualitativen Standards zu setzen, führen wir in unserer Abbildung an. Diese 5 Aspekte sollten unter ständiger Berücksichtigung einer Schüler- und Situationsorientierung (Lernhintergrund, Motivation, Individualität, Lernumfeld [Schule, Klasse, Familie] und Leselehrgang) verfolgt werden. Wenn es darum gehen soll, ein Anlautsystem im Bezug auf seine grafische und inhaltliche Prägnanz zu hinterfragen, sollten im Idealfall alle Anlautbilder mit diesen Gütekriterien korrespondieren.

  • Prinzip der Vermeidung von Konsonantendopplungen

Das Prinzip der Vermeidung von Konsonantendopplungen in Anlautsystemen verstehen wir insbesondere im Hinblick auf unsere Schüler mit einem ganzheitlichen Förderbedarf. Soll das Anlautbild eine Hilfe im Lesenlernen sein, muss das dahinter stehende Konzept die zu Grunde liegenden Kompetenzen berücksichtigen. Hinsichtlich der hier notwendigen phonologischen Bewusstheit (Bewusstheit über Analyse und Synthese einzelner Wortbausteine in und zu Lauten F vgl . Schenk S. 55) sind die entsprechenden Kompetenzen im Schuleingangsalter unseres Förderschwerpunktes nur rudimentär und damit unzureichend vorhanden, um vorliegende methodische Unzulänglichkeiten (Konsonantendopplungen: /k/ wie Krokodil /k/ wie Krone) kompensieren zu können.

  • Prinzip der Abgrenzung von Laut- und Buchstabennamen

Eine diesbezügliche Notwendigkeit konnten wir direkt in der Praxis feststellen, da manchen Schülern im Beginn des Leselernprozesses eine Trennung schwer fällt. Als ungeeignet konnten wir hier besonders die Anlautbegriffe /b/ wie Besen, /h/ wie Hase, /k/ wie Kamel, /t/ wie Telefon und /z/ wie Zebra ausmachen.

Kopiervorlagen aus dem ANLAUTBAUM als Bilderkette in einer Unterstufenklasse.

2. Abgleich der Zwischenergebnisse durch Praxisbezug

Durch diese Erarbeitung eines Prinzipienkataloges entstand eine Sammlung von Anlautbegriffen, die wir hinsichtlich ihrer Verwendbarkeit sowohl aus bestehenden Systemen unter Berücksichtigung der Prinzipien übernommen als auch selber erstellt haben. Ein wesentlicher Aspekt in der Erstellung und Optimierung eines Konzepts (Qualitätsprogramm) scheint zu sein, ab einem gewissen Punkt konkrete Ergebnisse im Hinblick auf Praxistauglichkeit aufzeigen zu können.

Dies bedeutet, nicht (nur) Monate lang über Qualitätsentwicklung zu sprechen, sondern auch entsprechendes Handeln zu initiieren, das Ergebnisse im alltäglichen Unterrichtsgeschehen nach sich zieht. Innerhalb einer gesamten Laufzeit von zwei Jahren legten wir so nach einer Erarbeitungsphase von etwa 4 Monaten erste Ergebnisse vor. Dazu wählten wir zu den Anlautbegriffen die nach den o.a. Prinzipien adäquaten Anlautbilder aus verschiedenen Quellen aus. Transparenz schufen wir durch einen Ordner in der Schulbücherei, in dem die bisherige Materialsammlung eingesehen werden konnte.

Im Folgenden fanden in einigen Klassen der Unter- und Mittelstufe ein Einführung der Sammlung im Sinne von Ankerbildern statt. Die Rückmeldungen von Kollegen und Schülern ergaben folgende Einsichte

  • Zum einen ist Klarheit bezüglich der ausgewählten Anlautbilder entstanden, die zu Grunde gelegten Prinzipien und theoretischen Begründungszusammenhänge fehlten jedoch als Schriftteil in der Materialsammlung. Erklärten wir im anschließenden Gespräch, warum wir uns für welche Begriffe entschieden hatten, erübrigten sich zumeist weitere Fragen.
  • Die kopierten Bilder widersprachen in einigen, sich auch überschneidenden Fällen den von uns geforderten Prinzipien der Prägnanz, Klarheit und Schülerorientierung. Durch das Einscannen und Kopieren wurden die Bilder undeutlich, insgesamt war keine illustrative Kontinuität auszumachen.

3. Konsequenzen aus der unterrichtlichen Umsetzung

Hinsichtlich des ersten Kritikpunktes erarbeiteten wir innerhalb der AG Kulturtechniken einen Theorieteil, den wir unserer Bild- und Begriffsauswahl zu Grunde legten. Die zweite kritische Rückmeldung aus der unterrichtlichen Praxis veranlasste uns zu einer grundsätzlichen Revision unserer bisherigen Bildersammlung: Vor dem Hintergrund unserer o.a. Prinzipien sollten auch unsere grafischen Ansätze prägnant sein und einer illustrativen Kontinuität entsprechen. Daraus entwickelte sich die Zusammenarbeit mit der befreundeten Grafikerin Andrea Bölinger ( www.ab-communication.net), die nach unseren Vorstellungen Illustrationen zu den Anlautbegriffen entwarf. In diesem kooperativen Prozess entstand auch die Idee, das System als Ganzes ( Anlauttabelle) in den grafischen Aufbau eines Baumes (der Anlautbaum) einzubetten. Dadurch grenzten wir das System zum einen von bestehenden Konzepten ab (Anlauthaus, -rakete, -bogen oder –dose) zum anderen ermöglichte uns der Baum durch seine Gliederung (Wurzel – Stamm – Krone) eine Aufteilung in Alphabet (Krone), Umlaute/Diphthonge (Stamm) und Sonderlaute (Wurzel).

Aus den Erfahrungen der bisherigen Rückmeldungen führten wir die Erprobung der Grafiken zunächst in einer Unterstufenklasse durch. Hierzu entwickelten wir DIN A4 Papiere für den Klassenraum (vgl. Abb. 4), graphomotorische Übungen für den Anfangsunterricht, sowie Materialien für die Freiarbeit. Es zeigte sich, dass sowohl der Anlautbaum als Anlauttabelle, als auch die einzelnen Anlautbilder in ihren Übungsformen als Ankermöglichkeiten auf großes Interesse stießen (vgl. weiter Abb. 5.).

Im Rahmen dieser grundlegenden Probephase stand eine regelmäßige Aktualisierung des Ordners in der Bücherei an. Für das Kollegium konnte so ein hohes Maß an Transparenz hergestellt werden, was sich in konstruktiven Kritiken und Vorschlägen bemerkbar machte. Die o.a. theoretische Grundlegung konnten wir im Juni 2005 in den Ordner eingeben.

4. Zur Umsetzung im Unterricht

Wo bisher eine Vielzahl an Bildern, Begriffen und auch Schriftarten verwendet wurde, ermöglichte das Konzept des Anlautbaums ein beachtliches Maß an methodischer Kontinuität. Besondere Momente sind die, wenn Schüler feststellen, dass „Jan und Markus in der Mittelstufe die gleichen Bilder (zum Lesen) haben wie wir (Unterstufe)“. Reflexiv wirken sich solche Schüleräußerungen natürlich auf die Einschätzungen der Kolleginnen und Kollegen gegenüber neuen Konzepten positiv aus. Auch in den Rückmeldungen der Eltern im Rahmen der Evaluation wurde diese methodische Innovation in unserer Schule als sehr positiv herausgestellt. Dies verstehen wir unter einem wachsenden Prozess. Ein Ansatz, der im Rahmen von Schulentwicklung unseres Erachtens generalisierbar ist.

Zu den Autoren

Holger Schäfer arbeitet als Förderschullehrer in einer Unterstufenklasse und ist Schulleiter der Rosenberg-Schule (Schule mit dem Förderschwerpunkt ganzheitliche Entwicklung - Förderschule). Langjährige Mitarbeit als Fachleiter für Geistigbehindertenpädagogik am staatlichen Studienseminar für das Lehramt an Förderschulen Neuwied / Trier und tätig in der Lehrerweiterbildung. 

Nicole Leis war bis 2005 als Förderschullehrerin in zwei Mittelstufenklassen der Rosenberg-Schule in Bernkastel-Kues tätig und unterrichtet zur Zeit an der Hans-Zulliger-Schule (Schule mit dem Förderschwerpunkt ganzheitliche Entwicklung) in Grünstadt.

 

 

 

Andrea Bölinger ist freiberufliche Grafikerin.

Nach dem Studium zur Diplom-Grafikerin war sie für verschiedene Büros und Agenturen tätig und leitet seit 2003 ihre eigene Grafik- und Werbeagentur. Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen besonders in der innovativen Gestaltung konventioneller Produkte.

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